Das Lied der Gehörnten

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Inhaltsverzeichnis

Das Sterben des Waldes

Wildmähne zog an dem Abend, als die Sonne das letzte Mal unterging durch seine Wälder, hin zu seiner Frau Sternenblatt. (Sie war schwer krank, denn Wandelerd konnte ihr keine Kraft mehr geben, da die Menschen alle seine Kinder aus ihm herausgerissen hatten.) So sah er sie mit Tränen an, und fragte: „Wie kann es aber sein, dass wir, die wir bereits vor Entstehung der Menschen herrschten, nun von ihnen vernichtet werden? Wo ist die Ordnung, wie sie war zu der Zeit, als die Erde noch nicht gebebt hat? Aus einer Träne bist du entstanden, in Tränen wirst du nun das Leben verlassen.“ Er hielt sie fest im Arm, doch auch seine Schulter schmerzte, denn die Pfeile der Menschen steckten tief in seinem Fleisch. Und die Welt fiel in die Dämmerung. Und es war der letzte Abend der Welt. Es kamen aber zu jenem Ort die Gehörnten und sprachen: „Wildmähne, grosser Vater. Die Wälder, welche noch nicht dem Hunger der Menschen zum Opfer gefallen waren, aber zogen sich in diese Richtung zurück. Und da wir nun vor dir stehen, sehen wir dass die Bäume hierher geflohen sind. Was aber hat diese kommende Nacht zu bedeuten?“ Wildmähne aber sprach: „Ihr treuen Kinder, seht, was die Menschen uns angetan haben. Sie haben unsere Mutter getötet. Und die Bäume kommen um zu trauern.“ Und die Dämmerung hielt lange an, ohne dass es Nacht wurde, oder der Tag zurückkehrte. Es ward düster, nicht hell und nicht dunkel. Und die Jahre vergingen in diesem Nebel. Und immerzu sangen die Gehörnten ihr Lied:

Das Lied der Gehörnten

Wildmähne

Wer vermag ihn zu zähmen, den der uns in Wildheit geboren hat? Noch lange bevor wir Menschen waren, war er uns Hirt und Hüter. Er hat uns nicht ausgeliefert seinen Söhnen, sondern hat Hörner gegeben, uns zum Schutz. Schwächlinge sind die, welche nicht seinen Kopfschmuck tragen, verstossen sollen sie auf ewig sein. Nichts als Menschen sind sie, ohne Fell und Krallen, ein Fressen für die Tiere des Waldes. Die Stärke aber liegt bei Wildmähne, dem Hüter des Hains, dem Schatten des Dickichts, dem Geist des Waldes, dem Ungezähmten auf Ewig.

Natterhatz

Wer nicht Jäger ist, ist Beute. Wer nicht mit ihr loszieht ist ewig auf der Flucht. Wehe dem, der ihren Fängen entwischen kann, auch er wird ihr in die Falle gehen. Denn keine Bewegung ist vor ihren Augen sicher und keine Haut vor ihren Fangzähnen. Ihren Bogen spannt sie in Windeseile, die Fährte wittert sie in grosser Distanz und ihre Fallen legt sie im Schatten, unsichtbar für ihre Opfer. Niemand ist sicher vor ihrer List, wer könnte mit ihr verhandeln? Denn sie tötet nicht aus Hunger, nicht aus Gier, nicht aus Zorn, sondern um der Jagd willen.

Loderglut

Noch vor en Tiere und dem Gewächs brannte sie, die Flamme seiner Kraft. Sie ist Älter als der Wald, und mit einem Hauch würde sie ihn verschlingen. Seht aber auf ihn, der sie trägt zu jeder Zeit. Auf ewig wir er von ihr verzehrt. Er kam zu uns als Fackel in die Dunkelheit und öffnete unsere Augen. Er machte uns zum Herrscher über die Tiere, den Menschen gleich zu sein. Deshalb opfern wir ihm das Holz des Alten Waldes, auf dass sein Schutz nicht erlischt und sein Schein nicht von uns weicht in der Nacht. Selbst unsere eigenen Schatten fliehen in seiner Gegenwart von uns weg. Wer aber kann sagen, woher er uns dieses Feuer gebracht hat?

Rammhorn

Er aber war der erste, der auf Beinen ging, denn das Kriechen war unter seiner Würde. Und es gab niemand der ihm die Herrschaft streitig machte. Der Wald war ihm untertan, und der Stamm hörte auf seine Worte. Doch seine Zeit ist vorüber. Denn der im Reich der Menschen gibt es keinen Platz für Tiere. Wer nicht in von Feuer erhellten Hütten wohnt hat nicht Anteil am Geschehen der Zeit. Nur ein Schatten ist er noch, versteckt im Unterholz. Was bringt die Stärke, wenn Angst sie gefangen hält? Sie ist eine Gefahr für sich selbst. hetzt ihn, den er ist nicht mehr Jäger sondern nur noch Beute.

Kerbhorn

Wie sein Bruder hat auch er uns verraten. Selbst wenn er nicht wie dieser Rohes Fleisch ist, ist er doch im Innersten ein Tier. Verkaufte die Stärke seines Stammes im Tausch gegen das, was die Menschen stark zu machen scheint. Hörner gegen Zaubergunst. Hat er uns doch zu Menschen gemacht, hat er uns doch wieder als Tiere verkauft. Denn was ist der Gehörnte ohne seine Würde? Was bedeutet unser Stamm ohne das Zeichen von Wildmähne? Verstecken wir uns, und unsere Kinder, sobald ihr Geweih zu wachsen beginnt, damit wir nicht untergehen in den Städten der Menschen.
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