Die Gefallene

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Inhaltsverzeichnis

Das Erwachen

Sie träumte. Doch kaum öffnete sie ihre Augen kam ihr Leben in ihren Köper und sie vergass zu jener Zeit wer sie war und woher sie kam, als wäre ihre Leben zuvor nur ein Traum gwesen. Sie fand sich gefesselt in der Dunkelheit. Sie wollte sich aufrichten, doch die Fesseln drückten sie auf den staubigen Boden. Ihr Körper war geschunden und schmerzte mit jeder Bewegung. Sie schrie, doch niemand antwortete. So wartete sie.

Nach langer Zeit wurde der Raum mit einer Fackel erhellt, und sie sah, dass sie in einer Höhle war. Die Gestalt welche die Fackel trug aber war ein schattenhaftes Wesen, dem Menschen nicht unähnlich, doch hatte es Hörner und dunkle Haut. Es kam auf sie zu und zog sie an einem Seil zum näher zum Höhlenausgang. Hier warteten am Feuer weitere dieser gehörnten Wesen, welche sie mit Furcht anblickten. Dann wurde sie vor aller neugierigen Augen in einen hölzernen Käfig gesteckt und ihre Fesseln gelöst.

Die Gehörnten waren gerade dabei eine Malzeit zu sich zu nehmen. Dabei redeten sie laut miteinander und ab und zu beobachtete sie einer von ihnen und tuschelte dann mit den andern. Zu ihrem Erstaunen schien sie die Sprache der Gehörnten zu verstehen. So nahm sie allen Mut zusammen und fragte schüchtern: „Könnte ich etwas zu Trinken haben?“ Sofort hörten die Gespäche auf und die Wesen schauten sie alle verängstigt an. Einer von ihnen trat vorsichtig näher zum Käfig und murmelte misstrauisch: „Es kann sprechen?“ Nachdenklich begutachtete er sie. Er blickte in ihr erschöpftes Gesicht und bekam Mitleid. Zögerlich reichte er ihr ein Tongefäss mit Wasser. Sofort packte sie es und trank es rasch aus. Als sie getrunken hatte, fragte er sie: „Wer hat dir das Sprechen beigebracht?“ Doch so stark sie sich auch bemühte, sie konnte sich an nichts erinnern, so als wäre sie erst gerade auf die Welt gekommen. So sprach sie verzweifelt: „Ich weiss es nicht mehr.“

So blieb sie viele Tage in diesem Käfig. Ab und zu brachte man ihr zu Essen und zu Trinken. Doch niemand sprach mehr mit ihr. Sobald jemand auch nur in die Nähe des Käfigs kam, schienen alle ruhig zu werden und zu beobachten, was geschieht. Ob es Tag oder Nacht war konnte sie nicht erkennen, zu jeder Zeit sassen einige der Gehörnten am Feuer und kochten das Fleisch, welches andere von der Jagd mitbrachten. Die Jäger prahlten dann immer mit Geschichten, wie sie die Tiere erlegt hatten und erzählten von den tiefen Wäldern, in die sie sich reingewagt hatten, und von Natterhatz. An einer Höhlenwand war eine riesige Schlange gemalt, und immer wenn sie wieder aufbrachen legten sie Opfergaben vor das Bild und baten Natterhatz um eine erfolgreiche Jagd, indem sie sangen:

Wer nicht Jäger ist, ist Beute.
Wer nicht mit ihr loszieht ist ewig auf der Flucht.
Wehe dem, der ihren Fängen entwischen kann,
auch er wird ihr in die Falle gehen.
Denn keine Bewegung ist vor ihren Augen sicher
und keine Haut vor ihren Fangzähnen.
Ihren Bogen spannt sie in Windeseile,
die Fährte wittert sie in grosser Distanz
und ihre Fallen legt sie im Schatten,
unsichtbar für ihre Opfer.
Niemand ist sicher vor ihrer List,
wer könnte mit ihr verhandeln?
Denn sie tötet nicht aus Hunger,
nicht aus Gier,
nicht aus Zorn,
sondern um der Jagd willen.

Neben der Schlange waren auch andere Tiere und Gestalten an der Wand zu sehen. Doch keines schien so viel Bewunderung zu erhalten wie Natterhatz.

Einer der Gehörnten, welcher viel zu erzählen hatte, ging aber nie zur Jagd. Er war alt, und seine Augen Trüb. Ständig schaute er zu der Gefangenen hin, und beobachtete, wie sie seine Geschichten hörte. Er war es auch, welcher nach langer Zeit wieder mit ihr redete. Er schien weniger Angst vor ihr zu haben und getraute sich nahe an den Käfig heran. Und einmal sprach er sie an: „Du musst wissen, es ist nicht die Art unsere Stammes, Gefangene zu haben. Doch bis wir wissen, was du bist, müssen wir dich festhalten.“ Die Gefangene sagte sofort: „Ich bin ein Mensch, seht ihr das den nicht? Die Frage ist, was ihr seit.“ Da begann der Alte zu lachen. Dann hustete er und sprach weiter: „Wir sind uns selber wir brauchen keinen Namen für uns selbst, denn auch die Tiere benennen sich nicht selbst. So nenne uns wie du willst. Wisse aber, dass wir gehörnt wurden von dem, der Ungezähmt ist. Aber du...“, dann hielt er inne, „bist kein Mensch.“ Und dabei brachte er eine Fackel nahe genug an sie ran, dass sie ihre eigene Haut sehen konnte. Sofort schreckte sie zurück als sie sah, dass ihre Körper von einem leuchtenden Muster überzogen war. Der alte fuhr fort: „Ich habe schon Menschen gesehen. Einige kommen manchmal in unser Gebiet. Ich habe sie beobachtet. Einige waren bemalt mit Zeichen zum Kampf und zur Jagd. Doch solche Zeichen, welche du auf deinem Körper trägst, kennen die Menschen nicht.“ Die Gefangene beruhigte sich und atmete wieder ruhig. Der Alte verliess sie und setzte sich wieder ans Feuer und schwieg.

Die Ankunft der Menschen

Viele Tage vergingen, bis einige der Jäger erschöpft in der Höhle ankamen. Der grösste unter ihnen berichtete: „Wir aber haben gesehen, wie die Menschen in grosser Zahl unsere Wälder betraten. Sie kommen um zu jagen, doch spüren wir, dass es nicht Nahrung ist, was sie jagen.“ Sofort wurden die Gehörnten am Feuer unruhig. Einer der Jäger rannte auf den Käfig zu und schrie die Gefangene an: „Sag uns, was passiert!“ Sie aber erschrak und versteckte sich im hinteren Teil des Käfigs. Er aber schrie unentwegt weiter: „Kommen sie um dich zu holen? Ist es dass was sie jagen?“ Da aber stand der Alte auf und riss ihn zurück. Er beruhigte die Menge und sprach: „Lasst uns ruhig werden. Müssen wir uns vor den Menschen fürchten? Sind wir nicht Fürsten unter den Tieren? Sind wir nicht die Söhne des Wildmähne?“ Da wurden alle still. Und der Alte stimmte ein Lied an, das sie alle sangen:

Wer vermag ihn zu zähmen,
den der uns in Wildheit geboren hat?
Noch lange bevor wir Menschen waren,
war er uns Hirt und Hüter.
Er hat uns nicht ausgeliefert seinen Söhnen,
sondern hat Hörner gegeben, uns zum Schutz.
Schwächlinge sind die,
welche nicht seinen Kopfschmuck tragen,
verstossen sollen sie auf ewig sein.
Nichts als Menschen sind sie,
ohne Fell und Krallen,
ein Fressen für die Tiere des Waldes.
Die Stärke aber liegt bei Wildmähne,
dem Hüter des Hains,
dem Schatten des Dickichts,
dem Geist des Waldes,
dem Ungezähmten auf Ewig.

Nach dem Lied war alle Aufregung verflogen und sie sassen friedlich beim Feuer. Nur die Unruhe der Gefangenen war geblieben. Sie wünschte sich zu erinnern, wer sie war und woher sie kam.

Kerbhorn kommt.“ So war die Meldung, welche laut gerufen wurde und so die Gefangene weckte. Ein Bote stand beim Höhleneingang und rief voller Freude: „Kerbhorn ist auf dem Weg hierher, lasst uns ein Fest vorbereiten.“ Freudig befahl der Alte: „Geht hinaus in die Wälder und sammelt Holz für ein Feuer zu ehren des zweiten Hüters, welcher zu uns kommt.“ Sofort verliessen viele die Höhle. Der Alte aber ging auf die Gefangene zu und sprach: „Nun, schon bald werden wir erfahren, was du bist.“

Die Gehörnten hatten viel Holz zusammengetragen und in der Mitte der Höhle auf einen Haufen gelegt. Alle hatten ihren Körper mit Farben verziert und warteten ungeduldig auf das Erscheinen des Hüters. Und dann kam er: Sein Geweih übertraf alle der anderen. So gross und kräftig ragte es aus seinem Kopf hervor und darin eingeritzt glänzte eine leuchtende Verzierung. Er trug ein langes Gewand aus Pelzen. Sein Bart war mit aufwändigen Zöpfen gewoben. Der Alte sprach: „Lasst uns ein Feuer entfachen für denjenigen, dem wir das Feuer verdanken: Kerbhorn, du hattest keine Angst vor Loderglut.“ Als sie das Feuer entzündeten, sangen sie Loderglut ein Lied:

Noch vor en Tiere und dem Gewächs brannte sie,
die Flamme seiner Kraft.
Sie ist Älter als der Wald,
und mit einem Hauch würde sie ihn verschlingen.
Seht aber auf ihn,
der sie trägt zu jeder Zeit.
Auf ewig wir er von ihr verzehrt.
Er kam zu uns als Fackel in die Dunkelheit und öffnete unsere Augen.
Er machte uns zum Herrscher über die Tiere,
den Menschen gleich zu sein.
Deshalb opfern wir ihm das Holz des Alten Waldes,
auf dass sein Schutz nicht erlischt
und sein Schein nicht von uns weicht in der Nacht.
Selbst unsere eigenen Schatten fliehen in seiner Gegenwart von uns weg.
Wer aber kann sagen,
woher er uns dieses Feuer gebracht hat?

Als sie zu Ende gesungen hatte, begann Kerbhorn zu lachen und sagte: „Ich war nur der zweite Hüter, und mein Bruder Rammhorn war der ältere und somit der erste Hüter. Doch er ist nicht mehr in unserer Mitte, denn er hatte Angst vor dem knistern des Feuers. So lasst uns ein Lied auf ihn singen:“

Er aber war der erste,
der auf Beinen ging,
denn das Kriechen war unter seiner Würde.
Und es gab niemand der ihm die Herrschaft streitig machte.
Der Wald war ihm untertan,
und der Stamm hörte auf seine Worte.
Doch seine Zeit ist vorüber.
Denn der im Reich der Menschen gibt es keinen Platz für Tiere.
Wer nicht in von Feuer erhellten Hütten wohnt,
hat nicht Anteil am Geschehen der Zeit.
Nur ein Schatten ist er noch,
versteckt im Unterholz.
Was bringt die Stärke,
wenn Angst sie gefangen hält?
Sie ist eine Gefahr für sich selbst.
hetzt ihn, denn er ist nicht mehr Jäger,
sondern nur noch Beute.

Als sie auch dieses Lied zu Ende gesungen hatten, erhob Kerbhorn erneut das Wort: „Wie ihr wisst, und wie wir singen seit wir Kinder sind, hat Rammhorn das Vermächtnis von Loderglut abgelehnt. Ich aber habe die Macht ergriffen, uns gegen die Menschen zu wehren. Seht meine Hörner, sie sind durchwoben von einem magischen Erz, welches mit Macht verleiht, uns gegen die Tiere und Menschen zu verteidigen. Nun ist dieses Erz aber selten und so bin ich gezwungen, mit den Menschen Handel zu treiben. Wir aber haben nichts denjenigen anzubieten, ausser unseren Hörnern. Denn diese sind Schmuck für die Menschen“ Da aber wurden die Gehörnten unruhig und murmelten durcheinander. Doch Kerbhorn fuhr unentwegt fort: „So müssen einige von uns zum Wohle von uns allen ihre Würde verlieren um die Würde des Stammes aufrecht zu halten.“ Da schritt er auf den Alten zu und sagte: „Gib mir von deinem Stamm zwanzig Hörner und ich werde schauen, dass ihr beschützt werdet. Denn wenn nicht ich ihnen die Hörner gebe und viele von euch verschone, werden die Menschen kommen, alle Hörner nehmen und euch alle sterben lassen.“ Da aber entbrannten die Gehörten in Zorn und wollten Kerbhorn hinauswerfen. Doch in diesem Moment strömten dutzende mit Speeren bewaffnete Menschen in die Höhle und umzingelten sie. Kerbhorn riss sich los uns stand neben den Anführer der Menschen, welcher nun zu reden begann: „Gehörnte Wesen, begrüsst die Jäger aus dem Stamme der Löwenhaar. Womöglich habt ihr noch nie davon gehört, doch die ganze Welt gehört uns. Wir können euch Macht geben, denn wir haben deren Quelle entdeckt. Hörner haben in der neuen Welt keinen Nutzen mehr. Wer also jene alten Relikte abgeben möchte, dem geben wir als Gegenleistung etwas von unserer Macht.“ Der Alte aber schrie: „Niemals! Nicht noch einmal wird das Alte verdrängt, da das neue seine Opfer verlangt.“ Da begannen die Gehörnten sich zu wehren und es kam zu einem Kampf. Und Menschen stachen die Gehörnten nieder. Nur die Stärksten nahmen sie gefangen. Ihnen aber schlugen sie alle die Hörner ab. Die Menschen bedankten sich bei Kerbhorn und übergaben ihm eine Kiste mit leuchtendem Gestein, welches dieser gierig entgegen nahm und dann die Höhle verliess. Die Menschen suchten die Höhle nach wertvollen Artefakten ab und entdeckten nun erst die Gefangene in ihrem Käfig. Sofort wurde auch sie an den Strick der Gefangenen gefesselt und hinausgebracht.

Der Sklavenzug

Mehrere Tage waren sie in Ketten unterwegs. Gedemütigt schleppten sich die Gefangenen vorwärts. Ettliche hatten das Entfernen ihrer Hörner nicht überlebt, und andere, die es überlebt hatten, wären lieber gestoben. Mitten unter ihnen aber war noch immer die Gefangene, ohne jegliche Erinnerung. Die anderen sprachen nicht mehr mit ihr, sondern mieden sie. Ab und zu konnte sie einige Worte davon aufschnappen, was sie über sie redeten. Sie sei Schuld an dem ganzen, ein böses Omen. Je länger die Sklavenkarawane durch die Wälder zog umso heftiger wurde der Hass der andern auf sie.

Nach etwas mehr als einer Woche kamen sie an eine Lichtung im Wald. Auf einem Hügel war ein gigantisches Denkmal aus Stein. Es sah aus wie ein sitzender Mensch, der tief in Gedanken versunken sein riesigen Kopf auf seiner Hand abstützte. Der Felsen aus dem die Figur geschlagen wurde war von Erosion gezeichnet und mit Moos überwachsen. Als sie näher kamen, sahen sie am Fusse der Statue die Krieger der Löwenhaar stehen, welche andere Menschen in Ketten legten. Die Gehörnten, welche bisher kaum Menschen kannten waren erschrocken darüber zu sehen, wie die Menschen sich gegenseitig versklavten.

Als sie von der Stätte weiter zogen, bemerkte die Gefangene, dass nun in der Reihe neben ihr ein Mensch angekettet war. Und während sie weiterliefen, fragte sie ihn: „Wie kommt es, dass euch die Löwenhaar gefangen nehmen? Ihr habt doch keine Hörner.“ Da schaute sie der andere grimmig an und sprach: „Du siehst aber auch nicht aus wie eine Gehörnte.“ Als sie ihm aber nichts zu Antwort gab, fuhr er fort: „Fürst Drohspruch hat neu angeordnet welche Götter in seinem Reich angebetet werden dürfen und welch nicht. Ich bin ein Priester von Gedankenfels, Gott des Wissens.“ „Und das vorher war sein Denkmal?“ fragte sie. „Nein. Das war er.“ gab er zu ihrem Erstaunen zurück. „Er wurde einst von den Dämmerer erschaffen. Dann zog er sich an jenen Ort zurück um nachzudenken. Und der Priesterorden der Gelehrsamkeit pilgerte zu ihm, um ihm Fragen zu stellen. Doch mehr und mehr war er in eigenen Gedanken versunken, so dass er kaum mehr Antwort gab. Das letzte Mal hat er vor einigen hundert Jahren geantwortet. Wir aber wachten darüber, dass er nicht in Vergessenheit gerät.“ Dann aber schaute er sie nachdenklich an und sagten: „Aber was erzähle ich dir? Du solltest das doch besser wissen als ich.“ Entsetzt erwiderte sie: „Ich? Ich weiss nicht einmal wer ich bin.“ Verwundert fragte er nach: „Ich habe die Zeichen auf deiner Haut bemerkt. Und einige davon sind mir bekannt, andere aber sind zu alt, als dass ich sie kennen könnte. Und du sagst du wüsstest nicht wer du bist? Vielleicht wirst du ja an jemanden verkauft, der dich lesen kann.“ Sie wurde zunehmends unruhiger während er weiter redete: „In einigen Wochen werden wir auf dem Sonnenfels ankommen. Vielleicht kauft dich ja ein Mystiker, welcher diese Schriften besser kennt. Allerdings...“ dann hielt er kurz inne. „Es ist aber wahrscheinlicher, dass du an einen Tempel der Blickeslust verkauft wirst.“ Kaum hatte er dies fertig gesprochen schrie sie ein Sklaventreiber an: „Ruhe! Ihr braucht eure Energie besser zum Laufen als zum Sprechen. Der Tag ist noch nicht zu Ende!“

Und es dauerte tatsächlich noch ein paar anstrengende Stunden, bis der Zug dann halt machte zum übernachten. Die Gefangenen wurden in Ketten an Pfosten nahe bei den Feuern gebunden. Ruhig sprachen sie miteinander. Und die Gehörnten dichteten in jener Nacht eine weitere Strophe ihres Liedes. Und sie sangen über Kerbhorn:

Wie sein Bruder hat auch er uns verraten.
Selbst wenn er nicht wie dieser rohes Fleisch isst,
ist er doch im Innersten ein Tier.
Verkaufte die Stärke seines Stammes im Tausch gegen das,
was die Menschen stark zu machen scheint.
Hörner gegen Zauberkunst.
Hat er uns doch zu Menschen gemacht,
hat er uns doch wieder als Tiere verkauft.
Denn was ist der Gehörnte ohne seine Würde?
Was bedeutet unser Stamm ohne das Zeichen von Wildmähne?
Verstecken wir uns und unsere Kinder,
sobald ihr Geweih zu wachsen beginnt,
damit wir nicht untergehen in den Städten der Menschen.

Am Ende der nächsten Woche kamen sie in die Steppe und durchquerten einige Dörfer der Löwenhaar. Kinder kamen aus den Hütten aus Lehm, um den Zug der Gefangenen zu sehen. Aufgeregt, aber in sicherer Distanz, betrachteten sie die Karawane. Schnell wagten sie sich dann aber an die Sklaven heranzutreten und begutachteten die Gedemütigten.

Der Staub klebte an den verschwitzten Körpern als sie um die Mittagszeit rasteten. Die Sklavenhändler suchten Zuflucht unter den kargen Bäumen, während die Gefangenen der Hitze ausgeliefert wurden. Fluchend und knurrend setzen sie sich. Die Ersten waren während der kräftezehrenden Märschen ihren Verletzungen erlegen und liegen gelassen worden, so waren seit Anfang der Woche etwa ein Dutzend gestorben. Die Meisten davon aber waren Menschen, denn die Gehörten waren von Natur aus zäher und konnten einiges mehr ertragen. Zudem hatten sie auch einige Druiden unter sich, welche nun begonnen hatten aus den Fellen und Stoffen ihrer Kleidung Verbandsmaterial herzustellen. Doch diese Verteilten sie nur unter ihresgleichen, denn sie verachteten nun die Menschen wie nie zuvor. So blieb auch die Gefallene leer aus, obwohl sie an vielen Stellen starke Verletzungen hatte, welche nun wieder zu schmerzen begonnen hatten.

An einem Abend machte der Sklavenzug halt an einem Brunnen, und die Vorräte wurden mit Wasser gefüllt. Zuerst die Löwenhaare, dann die menschlichen Gefangenen und dann die Gehörnten. Da dem Zug in den Dörfern am Nachmittag noch einige andere Karawanen angeschlossen wurden und die Zahl der Menschen massiv stieg, mussten sie lange warten um an ihr Wasser zu kommen. Nach dem Auffüllen des Wasservorrats wurden dann einige der Tiere geschlachtet, welche die anderen Züge als Jagdbeute mitgenommen hatten. So wurde am grossen Feuer der Löwenhaar zubereitet und dann an den kleinen Feuern auch den Gefangenen gebracht. Als sie beim Essen waren, trat einer der Gehörnten Druiden auf die Gefangene zu und sprach: „Lass mich deine Wunden verbinden.“, als er seine Hand ausstreckte. Die Gefangene aber fragte verwundert zurück: „Ich dachte, ihr teilt nicht mit den Menschen?“ Da lachte der Druide und sagte: „Du bist kein Mensch.“ „Aber auch nicht aus dem Stamm der Gehörnten.“ Entgegnete sie misstrauisch. „Wenn du wüsstest, was du bist, dann würdest du wissen, warum du schon in unserem Dorf in einem Käfig warst. Wenn du dich aber erinnerst, dann wäre es für mich besser, dein Freund zu sein. Nicht wahr?“ Sie schwieg. Er nahm einen Verband und deckte ihre geschundenen Arme damit ab, während er leise weiter redete: „Ich habe gehört, dass einige meiner Brüder sprachen, dass du der Grund seiest, wieso wir in diese Lage gekommen sind.“ Er schnürte den Verband zu und flüsterte: „Sie haben davon gesprochen, dich zu töten. Ich helfe dir, damit du einen Grund hast, mich zu verschonen, falls du überlebst und dich rächen willst.“

Die Gefangene konnte in jener Nacht trotz Erschöpfung kaum einschlafen. Unruhig wälzte sie sich auf dem Boden hin und her. Dann drehte sie sich auf den Rücken und öffnete ihre Augen. Der Himmel war klar und tausend Sterne leuchteten Still in der Dunkelheit. Die Feuer fackelten und warfen Schatten über die schlafenden Sklaven, während die Löwenhaar wache hielten. Nach einiger Zeit war sie dann doch endlich eingeschlafen, wachte dann aber immer wieder erschrocken auf, so dass sie sich nicht wirklich erholen konnte. So kam es, dass sie am frühen Morgen, als sie wieder geweckt wurden, um weiter zu marschieren, noch immer völlig kraftlos war. Die Fussfesseln wurden gelöst und die Ketten wieder an die Hände gelegt. Mühselig trottete sie in der Reihe mit. Die Sonne ging auf und mit ihr die Hitze und die Schmerzen in ihrem Körper.

Nach einiger Zeit machten sie Rast an einer der Felsklippen welche schon im Laufe des Morgens am Horizont erschienen waren. Kraftlos sank die Gefangene auf den Boden vor den grossen Steinen. Nach einigen Minuten schlief sie ein.

Unsanft wurde sie aus dem Schlaf gerissen. zwei der Gehörnten standen bedrohlich mit einem Messer vor ihr. Eine Gruppe der Sklaven hatte sich losgerissen und einige Wächter überwältigt. Es tobte ein Kampf. Die beiden Gehörnten hatten die Gelegenheit ergriffen und wollten nun die Gefangene töten. Es ging nur wenige Sekunden, sie wurde geschlagen und dann mit dem Messer einige male gestochen. Danach suchten die Beiden sofort das Weite. Sie aber schrie und blieb blutend im Sand liegen. Dann wurde es schwarz vor ihren Augen und sie hörte nichts mehr ausser einem tiefen Brummen, was lauter wurde bis sie im dunkel versank.

Der neue Meister

Eine riesige Volksmenge füllte den Sklavenmarkt. Alle waren sie gekommen um zu sehen, welche fremdartige Gefangene die Soldaten aus der Ferne brachten. Viele der Gefangenen waren bereits von Mineninhabern oder vom Militär aufgekauft worden. Die erlesensten Sklaven wurden nun zum Schluss der breiten Masse vorgeführt, während sich nur die Reichsten um sie in der Versteigerung kämpfen konnten. Hohe Beamte und wichtige Würdenträger waren anwesend als die Gefangene auf das Podest gestellt wurde. Der Auktionator sprach: „Dies nun, ist eine Besonderheit. Wir konnten leider noch nicht aus ihr herausbekommen, welchem Stamm sie angehört, noch welchem Kult sie anhängt.“ Ihre Kleider wurden abgerissen und vor aller Augen offenbarte sich der mit Schriftzeichen und Narben überzogenen Körper. Die Leute erschraken, während der Auktionator kühl weiter redete: „Diese Gefangene wäre uns unterwegs beinahe abhanden gekommen, ein zähes Stück. Nun wer bietet was?“ Sofort gingen die Gebote los und steigerten sich in schwindlige Höhen. Doch egal wie hoch die Gebote waren, ein Mann, dessen Gesicht verdeckt war, bot immer mehr, so dass er sie schlussendlich auch kaufte. Kaum wurde sie ihm zugesprochen, verliess er den Platz. Die Männer, die bei ihm standen und genau wie er in dunkelblauen Leinentüchern verhüllt waren, traten hervor und führten die Gefangene ab. Sie schleppten sie durch den Marktbezirk hindurch in die tiefer gelegenen Siedlungen und verschwanden in einer der dunklen Gassen.

Im Haus des Käufers wurde sie von verschleierten Gestalten gewaschen und gekleidet und dann in ein Schlafgemach gebracht. Ohne Worte schloss man die Türe hinter ihr zu und liess sie alleine. Sie schaute sich um und entdeckte kunstvolle Handarbeit an den Wänden und Böden. Sie setzte sich auf das Bett und betrachtete die Ornamente in den Stoffen, welche von der Decke hingen. Dann legte sie sich hin und schloss ihre Augen. Erst jetzt hörte sie die seltsamen Geräusche, welche der Raum von sich zu geben schien. Sie öffnete ihre Augen. In diesem Moment öffnete sie die Tür und der Käufer mit einigen Gefolgsmännern traten ein. sie schrak zurück. Er sprach zu ihr: „Leg dich schlafen. Ich habe noch einiges in Sonnenfels zu erledigen. Morgen werden wir mit der Arbeit beginnen.“ Bevor sie etwas sagen konnte flüsterte er: „Morgen“

Die seltsamen Geräusche weckten sie. Als sie ihre Augen öffnete entdeckte sie, dass in jeder Ecke des Zimmers schweigend eine verhüllte Person stand. Sogleich öffnete sich die Tür und der Käufer trat herein. Hinter ihm kam die Sonne in den Raum und erfüllte ihm golden. Doch sogleich schlossen seine Männer die Türe wieder hinter ihm und es war erneut düster. Die sonderbaren Geräusche schienen unterdessen zugenommen zu haben. Dann trat der Käufer auf sie zu und sagte: „Sprich Meister zu mir, Gefallene.“ „Gefallene?“ fragte die Gefangene unsicher. „Oder soll ich dich lieber bei deinem Namen ansprechen?“ Sie richtete sich vom Bett auf und fragte hoffnungsvoll: „Wissen sie denn meinen Namen?“ Der Meister schaute sie verblüfft an. Er zögerte kurz und sprach: „Du hast beim Fall deinen Namen vergessen?“ „Bei welchem Fall?“, fragte sie nun völlig aufgeregt. Da wurde er plötzlich ganz nachdenklich und still. Dann sagte er: „Steh auf, ich will dich lesen.“ Sofort stellte sie sich vor das Bett. Die seltsamen Geräusche wurden lauter, als die Schriftzeichen auf ihrem Körper zu leuchten begonnen. Sei schien sanft in die Höhe zu gleiten, während die Schrift an ihrem Körper durch die Kleider hindurch an die Wand projiziert wurden. In ihrem Kopf dröhnten plötzlich hunderte von Stimmen und ihr Kopf schien zu explodieren. Dann aber sank sie zurück und die Schriften waren verloschen. Nachdenklich sprach er: „Nun viele der Zeichen sind auch mir fremd. Doch vielleicht kann uns der Kartograph mehr über deine Herkunft sagen.“ Ihr Herz raste immer noch unentwegt. Er verliess das Zimmer und sagte: „In einer Stunde machen wir uns auf den Weg, Gefallene.“

Der Kartograph

Eine Stunde lang passierte nichts. Die vier eingehüllten Wachen standen Regungslos in den Ecken und beobachteten sie unentwegt. In ihrem Kopf fieberten die Gedanken aber kamen zu keiner Erinnerung, so stark sie sich auch bemühte. Dann aber kam der Meister zurück. Wieder wurden die Geräusche laut. Sie musste blinzeln, und als sie die Augen wieder offen hatte, so waren sie alle in einem grossen Raum mit hoher Decke und grossen Fenstern. Obwohl es vorher gerade erst heller Morgen war, war es nun dunkle Nacht und die Sterne strahlten. Fassungslos schaute sie um sich. Überall an den Wänden hingen Karten und Pläne. Und der Boden war, so weit sie sehen konnte mit Büchern und Schriftrollen übersät. Ihr Meister lief unbeirrt in die Mitte des Raumes, wo ein Schreibtisch stand, an dem eine Gestalt sass und auf einer Karte Dinge einzeichnete. „Kartograph“, sprach der Meister, „Ich habe dir ein Objekt mitgebracht, dass du bestimmt haben willst.“ Der Kartograph blickte müde auf und betrachtete die Gefallene. Er war ein alter Mann, in leuchtenden Roben. Er legte seine seltsame Brille ab und sprach: „Wo hast du sie her?“ Der Meister antwortete: „Vom Sklavenmarkt der Menschen.“ Der Kartograph lachte ungläubig. „Und was interessieren mich Gefallene?“ Der Meister lächelte milde: „Ihre Herkunft.“ Als er dies sagte, schwebte sie in die Mitte des Raumes und ihre Schriftzeichen leuchteten an die Wände, wo die Pläne hingen, so dass sich ihre Formen mit denen auf den Karten überschnitten. Der Kartograph schwebte gemächlich hinauf und glitt den Wänden entlang als er verwundert sagte: „Erstaunlich, Sie ist an Orten gewesen, von denen ich nur gehört habe, sie aber nie selbst betreten habe. Und doch kennen wir nicht einmal ihren Namen.“ Der Meister rief von unten herauf: „wie kann aber eine so unwichtige Person solche Orte besucht haben?“ Die Gefallene und der Kartograph sanken sanft zurück zum Boden. Der Meister sprach: „Ursprünglich wollte ich sie nur als Sklaven haben, doch sie kann sich an nichts erinnern, so dachte ich, du könntest mehr herausfinden. Ich würde sie dir gerne verkaufen, für deine Studien.“ Der Kartograph lachte nur und meinte: „Kaufen? Ich kaufe nichts, was einmal einem Menschen gehört hat. Ich bin nicht so wie du. Aber zur Untersuchung hätte ich sie schon gerne hier.“ Der Meister erwiderte: „Ich schlage dir vor, das ich sie dir zur Untersuchung zur Verfügung stelle, du musst mir aber alles was du herausfindest auch berichten.“ Der Kartograph schwieg nachdenklich. „Du weisst, dass die Aufgabe, die mir mein Bruder zugeweisen hat, mich so einnimmt, dass ich annehmen muss.“ Sagte der Kartograph seufzend. Der Meister lachte vergnügt und sprach: „Viel Vergnügen, mit ihren fehlenden Erinnerungen.“ Und sogleich war er aus dem Raum verschwunden. Und die Gefallene und der Kartograph blieben alleine zurück.

„Dann fangen wir am Besten gleich an.“ Seufzte der Kartograph und holte einige Karten hervor, welche er übereinander legte und sagte: „Nun es gibt die Theorie, dass es ausserhalb von Sichtreich und Anderswelt noch weitere Welten gibt. Und da...“ Die Gefallene unterbrach ihn und sagte: „Ich kann mich nur an ein, zwei Wochen Leben erinnern. Ich habe abgesehen von einem Dorf der Gehörnten, dem Sklavenzug und dem Markt der Löwenhaar, dem Haus des Meisters und diesem Raum hier nichts von der Welt gesehen.“ Verblüfft senkte er seine Karten und betrachtete sie: „Das ist interessant, doch es macht uns die Arbeit etwas schwieriger.“ So führte er sie zu einer Karte an einer der Wände und erklärte: „Dies ist das Sichtreich, es ist die Welt in der du bis gestern warst. Darin leben die Menschen.“ In mitten der Karte war ein Symbol von drei sich ineinander drehenden Kreise. Er deutete darauf und sprach: „Es gibt im Sichtreich drei grosse Zeiten, in einer von ihnen bist du gewesen: Nämlich am Mittag, da wo die Löwenhaar an der Macht sind.“ Dann machte er eine Pause. Während sie die Karte noch betrachtete, holte er eine weitere durchsichtige Karte und legte sie über die andere und erzählte weiter. „Dies ist die Anderswelt. Hier sind wir jetzt. Vom Sichtreich aus ist die Anderswelt der Sternenhimmel, oder das Land jenseits des grossen Grabens.“ Anschliessend führte er sie zu einem der grossen Fenster. Sie blickte hinaus und sah dass der Sternenhimmel nicht nur über sondern auch unter ihr war. Und die Landmassen schwebten in der Luft, während es Sanddünen sanft über die Klippen windete. Bei diesem Anblick blieb ihr der Atem weg. Das erste mal seit sie sich erinnern konnte, fühlte sie sich zuhause. Der Kartograph schien ihre Gedanken zu lesen und sprach: „Ja, das ist deine Heimat in dieser Welt.“

Nachdem er sie einige Zeit am Fenster hatte stehen lassen, bat er sie zu sich und zeigte ihre eine Sternenkarte und sagte: „Jedes Phantom hat einen Stern, so müssten wir eigentlich nur noch nach deinem Stern Ausschau halten, dann wissen wir vielleicht mehr über dich.“ „Ich bin ein Phantom?“ fragte sie ungläubig. „Natürlich“ antworte er spöttisch zurück. Sogleich wurden sie in die Höhe gehoben und die Decke löste sich auf, das sie hindurch glitten. So schwebten sie weg vom Raum, bis sie um sich herum nur noch Sterne sahen. Er faltete die Karte auf, welche dann rund um sie herum zu einem Netz wurde, welches sich verteilte. „Nun halten wir Ausschau nach einem Stern, welcher nicht verzeichnet ist.“ Sofort zeigte sie auf den grössten und hellsten Stern von allen, da er nicht auf der Karte verzeichnet war. Der Kartograph aber lachte nur und sagte: „Nein nein, dass ist der Morgenstern. Der ist nicht einer von uns, dass ist einer für die Menschen. Aber das wäre jetzt etwas zu kompliziert um das zu erklären. Suchen wir weiter.“ Verunsichert schaute sie weiter. Tausende und abertausende Sterne waren zu sehen, und so ging es einige Zeit, bis sie ihn gefunden hatten. Schliesslich fanden sie ihn. Doch der Kartograph wurde nachdenklich, als er ihn entdeckte und sagte: „Ich habe ihn gefunden. Doch es verwirrt mich, ihn so nah am Stern meines Bruders zu sehen. Er hätte dich schon längst erwähnen müssen.“ „Wer ist dein Bruder?“ fragte die Gefallene neugierig. „Er ist der Wächter der Geschichte, alles was wir wissen über das Sichtreich oder die Anderswelt wissen wir von ihm.“ „Dann lass ihn uns fragen, dann wird er mich bestimmt kennen.“ Der Kartograph faltete die Karte zusammen und sie schwebten langsam wieder in den Raum. Der Kartograph schwieg. Als sie wieder am Boden waren, setzte er sich an den Arbeitstisch und sagte: „Ich habe meine Mühe mit ihm. Es ist schwer Karten von einer Welt zu machen, die sich ständig verändert. Er entschiedet sich ständig alles umzugestalten. Nie lässt er etwas sein, wie es ist.“ Dann dachte er nach und sagte: „Aber du hast wahrscheinlich recht, wenn wir herausfinden wollen, wer du bist, müssen wir ihn fragen. Da euere Sterne so nah beieinander sind, müsste er dich sehr genau kennen.“

Der Kartograph nahm ein Pergamentpapier, und zeichnete darauf einige Kreise und Symbole. Dann legte er die Feder zur Seite und drückte ihr das Papier in die Hand. Dann sagte er: „Mein Bruder ist viel unterwegs, aber damit solltest du ihn finden können.“ Ungläubig starrte die Gefallene die Zeichen an und fragte: „Und was steht hier?“ Er legte seine Brille wieder an und öffnete das Buch, in welchem er schon bei ihrer Ankunft gelesen hatte und sprach: „Sein Name und sein Ort.“ Und sobald er dies ausgesprochen hatte, war der Kartenraum weg, und sie fand sich im Schlafzimmer wieder.

Sklave bleibt Sklave

Die Verschleierten in den Ecken des Zimmers blickten auf, als sie wieder in ihrem Zimmer stand. Einer von ihnen verliess sofort den Raum. Kurz darauf kehrte er mit dem Meister zurück und stellte sich erneut in seine Ecke. Freudig sprach der Meister: „Nun, hast du denn einen Namen, oder bist du doch eine unbedeutende Sklavin?“ Schüchtern sagte sie: „Ich weiss nun von Jemanden, der wissen könnte, wer ich bin.“ Sie streckte ihm den Zettel des Kartographen entgegen. Interessiert nahm er ihn, blickte ihn an und sagte: „Soso, du suchst also nach Pilgerschrift.“ Dann fuhr er mit dem Finger über die Zeichen, und meinte: „Ich weiss nicht, ob ich dich dorthin gehen lassen will.“ „Wieso denn?“ fragte sei vorsichtig. „Es ist eine gefährliche Reise dorthin, und was bringt es mir, wenn du dabei stirbst? Dann bist du mir lieber eine namelose Sklavin, als eine Tote mit Namen.“ Nachdenklich musterte er sie und fragte: „Was gibst du mir für den Gefallen, dich hinreisen zu lassen?“ Verunsichert sagte sie: „Was habe ich denn anzubieten? Ich habe nichts.“ Der Meister hielt ihr das Schriftstück entgegen und sprach: „Ich mache dir einen Vorschlag: Ich lasse dich ziehen. Findest du deinen Namen, und somit dein Erbe und deine Macht, so bist du mir zum Bund verpflichtet. Und darfst dich nicht gegen mich stellen in keiner Art und Weise. Wenn du aber keinen Namen hast, so schuldest du mir nicht nur dein Leben, sondern drei weitere.“ Misstrauisch fragte sie: „Wie kann ich dir mehrere Leben schulden?“ Er lachte nur: „Dann wirst du mir wohl drei Kinder als Sklaven gebären müssen.“ Entsetzt blickte sie ihn an. Er drückte ihr das Pergamentpapier in die Finger. Wie angewurzelt blieb sie stehen, als er vergnügt das Zimmer verliess und dabei sagte: „Überlege es dir gut. Ich bin selten gütig, meinen Sklaven solch grosszügige Angebote zu machen.“ Verwirrt liess sie sich aufs Bett fallen. Sie schloss ihre Augen und versuchte trotz der seltsamen Geräusche etwas zu Ruhe zu kommen. Sie fühlte sich, als würde sie zerdrückt. Noch immer standen die verschleierten Gestalten um sie herum und machten keinen Wank. Erneut war sie in einem Gefängnis.

Nach Stunden welche sich wie Jahre angefühlt hatten öffnete sich die Tür und der Meister trat ein. Er sprach: „Es ist Nacht geworden, nun lass uns mit der Arbeit beginnen. Folge mir.“ Sofort stand sie auf und lief ihm hinterher. Sie blickte zurück und sah, wie sich die Gestalten in den Ecken auflösten. Erschrocken fragte sie, während sie dem Gang entlang liefen: „Was sind das eigentlich für Wesen?“ „Beobachter. Niedere Geister, die mir Augen sind.“ Antwortete der Meister und forderte sie auf zu schweigen: „Ausserhalb des Zimmers wirst du nur sprechen, wenn ich dich dazu auffordere!“ eingeschüchtert nickte sie. Über eine Steintreppe kamen sie hinunter in den Innenhof. Dort standen einige Gestalten, welche in einer Reihe warteten. Alle hatten sie dunkelblaue Gewänder an und ihre Gesichter waren verdeckt. Der Meister stellte sich vor die Reihe und sagte: „Lasst uns aufbrechen und unser Werk tun.“ Dann ging er auf die grösste Gestalt zu und sprach: „Diener, nehme die Neue mit und zeige ihr alles.“ Dann schaute er die Gefallene an und befahl ihr: „Folge ihm, und sieh was er tut, in der nächsten Nacht sollst auch du es ihm gleichtun.“ Dann machte er einen Schritt zurück und schrie: „Für die Nacht!“ Daraufhin entglitten den Wesen krächzende Geräusche, so dass sich die Gefallene die Ohren zuhielt. Es lösten sich die Gewänder von ihnen ab und zum Vorschein kamen deformierte, von Geschwüren überzogene Körper. Ihre Augen leuchteten glühend und ihre Zähne blitzten im Mondlicht. Vor Schreck schrie die Gefallene und ihre Herz raste. Wie versteinert bleib sie stehen und sah mit aufgerissenen Augen, wie die Kreaturen in alle Himmelsrichtungen davon schwebten und ihre Schatten den Wänden entlang glitten. Der Meister stand nun auch enthüllt als Ungetüm vor ihr und lachte: „Beruhige dich, Gefallene, so wirst auch du aussehen, wenn du diese Arbeit für einige Jahrhunderte tust, du wirst dich daran gewöhnen.“ Der grosse Diener war nun vor ihr auf dem Boden gelandet und forderte sie mit einer Handbewegung auf, ihm zu folgen. Noch immer unter Schock packten ihre Instinkte sie und so schwebte sie langsam zum Himmel hinauf. Der Diener beobachtete das erst und überholte sie dann in der Luft.

Die Stadt war wie ausgestorben. Wolken hatten den Himmel bedeckt und nur ab und zu funkelte ein Stern hindurch. Lautlos segelten der Diener und die Gefallene durch die Strassen. Was in jener Nacht geschah war ein Alptraum. Geräuschlos glitten sie in eines der Häuser. Und dann musste sie mit ansehen, wie er sich über die Schlafenden beugte und ihnen mit seinen langen kalten Fingern eine schimmernde Flüssigkeit aus den Gesichtern zog und diese klebrige Masse genussvoll verzehrte. Bei dem Anblick drehte sich ihr Magen um, so schnell sie konnte, verliess sie das Haus und kniete würgend im Hinterhof. Nach einigen Minuten tauchte der Diener auf und leckte sich genüsslich die Finger ab. Dann flüsterte leise aber weich: „Komm, wir haben noch einige Häuser vor uns, bis der Morgen kommt.“

Als sie am nächsten Mittag im Schlafzimmer aufwachte, dachte sie an nichts. Sie setzte sich an den Bettrand und streckte sich. Der Meister trat ein, wieder in dunkelblauen Tüchern eingehüllt. Bei seinem Anblick kam ihre Erinnerung an die letzte Nacht zurück, und sie konnte sich an all die Gesichter erinnern, und das leise schmatzen des Dieners. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, um sich nicht übergeben zu müssen. Der Meister lachte nur: „Wie gesagt, du wirst dich daran gewöhnen.“ Dann ging er zu einer Wand und als er ihr näher kam, war da ein Fenster und das Licht kam herein, dass es sie etwas blendete. „Oder willst du doch dein Schicksal suchen?“ fragte er hinterlistig, während er aus ihrem Zimmer in die Stadt zeigte. Sie stand auf und kam zum Fenster. Der heisse Staub wirbelte über die Dächer und Türme. Ein feiner Wind wehte Richtung Osten und Vögel flogen sanft weit über den Häusern. Der Meister sprach: „Nun hast du über mein Angebot nachgedacht?“ Sie schwieg und betrachtete weiter die Stadt. Dann aber sagte sie knurrend: „Ich kann nur verlieren, stimmt es?“ Er wandte sich vom Fenster ab und sagte: „Ich kann nur gewinnen. Du bist mein Besitz. Ich habe dich gekauft, folglich sollst du mir auch etwas nützen.“ Angespannt blickte sie weiter zum Fenster hinaus. Dann schloss sie ihre Augen und sagte: „Ich habe mich entschieden.“ Dann drehte sie sich zu ihm um und sagte: „Ich werde herausfinden, wer ich bin. Denn das was ich gestern gesehen habe, bin ich nicht. Das weiss ich.“ „Nun“ sagte der Meister freudig. „So lasse ich dich ziehen.“ Er klatschte in die Hände und sprach: „Damit du nicht gleich am ersten Tag deiner Reise stirbst, werde ich dir eine Wache mitgeben.“ Er zeigte zur Tür und sagte: „Ihr kennt euch bereits.“

Die Reise beginnt

Es war viel los in der Stadt Sonnenfels. Händler aus aller Welt priesen ihre Waren an. In den Hinterhöfen hörte man die Arbeit der Handwerker, und Kinder rannten einander in der Volksmenge hinterher. Die Leute staunten nicht schlecht, als sie den Begleiter der Gefallenen sahen. Er war schon neben den anderen Dienern gross gewesen, doch im Vergleich zu den Menschen war er einige Köpfe grösser. Da konnte auch die Verschleierung nicht darüber hinwegtäuschen, dass da etwas nicht stimmte. Sofort machten die Leute Platz und schauten aus der Ferne gespannt zu. Der Diener murmelte mürrisch: „Lass uns möglichst schnell hier weg. Ich kann Menschen bei Tag nicht ausstehen.“ Die Gefallene sagte vorsichtig: „Geh einfach weiter voran, du kennst dich hier besser aus als ich. Ich verstehe immer noch nicht, wie ich so schnell im Kartenraum war, und nun zu Fuss gehen muss.“ Der Diener meinte schlechtgelaunt: „Nicht alle Orte in der Anderswelt sind miteinander verbunden. Es gibt viele Wege, viele davon sind aber nur in eine Richtung, andere sind gesperrt und wieder andere sind nur zu bestimmten Zeiten passierbar.“

Je näher sie der Unterstadt kamen, umso schäbiger waren die Gebäude. Die Mauern waren voller Risse und vollgeschrieben. Ein aggressiver Gestank lag in der Luft, so dass sich die Gefallene die Nase zuhielt. Hier schien es nur so von Bettlern und Dieben zu wimmeln. Ein Misstrauen und eine Verzweiflung lag in der Luft. „Da vorne ist ein Tor.“ Murmelte der Diener als er unter eine Brücke zeigte, welche sich über mehrere Häuser erstreckte. „Da ist ein Haus eines Beschwörerkults. Die haben vor einiger Zeit für uns ein Tor geöffnet.“ fuhr er fort. „Damit kommen wir der Anderswelt etwas näher.“

Im Gebäude drinnen hing ein unangenehmer Klang in der Luft. Die roten Vorhänge an den Wänden schwankten sanft im Wind, der durch die Löcher in der Wand säuselte. Im Vorzimmer waren einige Tische mit allerlei Gegenständen. Bücher und verschiedene Gläser mit Dingen drin. Je näher sie dem Hauptraum kamen, umso mehr begann es zu stinken. Sei traten ein und das unangenehme Geräusch wurde lauter und entpuppte sich als summen hunderter Fliegen welche über ein paar Leichen umherschwirrten. Entsetzt trat die Gefallene einen Schritt zurück an die Wand. Angeekelt blickte sie weg von den Toten und fragte: „Was war den hier los?“ Der Diener schritt unbeirrt über die Leichen hinweg zur zentralen Wand und sagte: „Naja, die Beschwörer haben ein Tor geöffnet, einige Phantome kamen raus und haben sie halt umgebracht.“ „Alle? Einfach so?“ fragte sie ungläubig zurück. „Nein nicht alle. Eine der Leichen haben sie selbst geopfert um das Tor überhaupt zu öffnen.“ Sagte er spöttisch, während er mit seinen Fingern einen Kreis an der Wand beschrieb. Eine Sekunde später waren sie auf einem Hügel mitten in der nächtlichen Wüste und der Lärm der Stadt von der Stille verschluckt. Der Sand glänzte Weiss wie Schnee im Mondlicht und eine feine nebelartige Staubschicht tänzelte ruhig auf und ab. „Hier gefällt es mir schon viel mehr.“ Meinte der Diener, welcher seinen Kopf enthüllte und langsam vom Boden abhob. In der Luft schaute er sich um und sagte ungeduldig: „Komm, da vorne ist die Stadt.“ Vorsichtig schwebte sie ihm entgegen. Da sah sie über der Sanddüne die Dächer einer kleinen Stadt, welche im Mondlicht funkelten. Je näher sie kamen, desto mehr umherschwebender Phantome sahen sie. Ihre eleganten Roben widerspiegelten fein die Lichter der Gebäude unter sich. Ein sanftes flüstern erfüllte die Luft, als die beiden auf einem hell erleuchteten Platz inmitten der Häuser landeten. „Zeig mir noch einmal die Karte.“ Meinte der Diener mürrisch. Sofort gab sie sie ihm und schaute weiter den Phantomen zu. Einige von ihnen waren schrecklich anzusehen, andere majestätisch und edel. „Da vorne muss es sein.“ Murmelte der Diener und zeigte auf einen Turm einige Häuser von ihnen entfernt.

Beim Turm angekommen, stand eine Gestalt an der Türe und knurrte wütend: „Reinlassen will er mich auch nicht?“ Es war eine sehr alte Gestalt mit einem schiefen Wangenknochen und alten Zähnen, einem Buckel. Seine linke Hand war sehr knochig und sah aus wie eine Zange. Er blickte die Beiden an und fragte: „Wollt ihr auch zu Pilgerschrift? Zu diesem undankbaren Gesell?“ Doch bevor jemand etwas antworten konnte, verfinsterte sich sein Blick und er sagte: „Ich kenne dich nicht. Wenn ich dich nicht kenne, wirst du keinen wichtigen Namen haben. Wie heisst du?“ Verunsichert sagte sie: „Ich weiss meinen Namen nicht.“ Da begann der Alte zu lachen: „Wenn er nicht einmal mich hereinlässt, der ich einen Namen habe, wie soll er Zeit für eine Namenlose haben?“ Dann wurde sein Blick wieder zornig und er zischte weiter: „Ich war es, der die Finger der Schattenhand geschmiedet habe. Ich habe die Knochen des Gedankenfels und die Flügel der Sphinxen hergestellt. Ich habe die Krafttürme der Starkfäuste konstruiert. Und doch hat mich Pilgerschrift nicht erwähnt. Und mein Bruder? Der Steinhauer? Er wird schon am Anfang des Machtworts erwähnt. Aber ich?“ „So jetzt reicht es!“ brüllte ihn der Diener an. Er drückte ihn zur Seite und knurrte: „Ich habe keine Zeit für Geschichtsstunden, ich will in der nächsten Nacht wieder auf Traumjagd gehen.“ So polterte er an die Tür und schrie: „Pilgerschrift, mach auf.“ Doch niemand antwortete. Fluchend richtete sich Erzschmied wieder auf, als der Diener erneut an die Türe klopfte. „So jetzt reicht es!“ sagte er sich und trat die Tür ein. Das Mondlicht schien auf die geländerlose Wendeltreppe, welche sich in schwindeleregende Höhe wand. „Eine Treppe? Pilgerschrift ist zu lange unter Menschen gewesen.“ Murmelte der Diener und schwebte hinauf, die anderen taten es ihm gleich.

Das Turmzimmer war durch die grossen Fenster hell erleuchtet. Eine Tischplatte ging rund herum an den Fenstern entlang und war überstellt mit Büchern und Schriftrollen. Kerzen waren niedergebrannt und die Öllampen leer. Doch niemand war da.

Der leere Turm

„Seht ihr,“ meinte der Erzschmied wütend, während er auf ein riesiges Fernrohr an einem der Fenster wies. „Sogar für dieses Gerät habe ich ihm eine Linse geschmiedet, und doch bleibe ich unbekannt.“ Empört schritt er auf den um sie herum geschwungenen Tisch zu und hob eines von vielen aufeinander gestapelten Büchern und sagte: „Das ist das Machtwort, es ist eine Versammlung unzähliger Schriften aus der Anderswelt und dem Sichtreich.“ Dabei zeigte er auf die unzähligen anderen Bücher und Schriftrollen, welche herumlagen. Er fuhr fort während er abschätzig im Buch blätterte: „Er beschreibt die grossen drei Zeiten der Menschen, der Kampf von Schattenfluch gegen den Allereinzigsten, der Aufstieg des Starkfaust. Und wo bin ich? Der Erzschmied?“ Empört warf er das Buch auf den Tisch. Dann nahm er ein leeres Papier und eine Feder während er sprach: „Falls er eine neue Auflage des Buches schreibt, so soll er sich an mich erinnern.“ Dann kritzelte er einige Dinge auf das Papier und legte es mitten auf den Tisch. „Diese Liste von Geräten, welche ich geschmiedet habe, sollte seinem Gedächtnis helfen.“ Dann legte er auch die Feder hin und verschwand fluchend die Treppe hinunter.

Nachdenklich meinte der Diener: „Seltsam, dass er nicht hier ist.“ Dabei schaute er sich um. Der Staub lag überall und zeugte davon, dass lange niemand hier war. „Wo könnte er sein?“ fragte sie nachdenklich. Er hob eines der Bücher auf und sagte: „Wenn wir ihn finden wollten, müssten wir die hier alle lesen.“ Dann warf er es trotzend auf einen Haufen anderer Bücher. „Dann werden wir das wohl tun müssen.“ Meinte sie. Er aber knurrte: „Hast du wirklich das Gefühl, du bist so wichtig? Kannst du nicht einsehen, dass du wie ich ein Diener unseres Meisters bist? Dazu brauchst du keinen Namen.“ Abschätzig blickte er die Schriften an: „Sieh dir das doch nur an: Es sind hunderte von Geschichten von Helden, Göttern und Fürsten. Denkst du tatsächlich, es besteht die Möglichkeit, dass du unter jenen erwähnt bist?“ Verunsichert frage sie: „Wieso regst du dich so auf?“ „Wenn Pilgerschrift hier gewesen wäre, hätte er dir sagen können wie unwichtig du bist, und wir könnten wieder zurück zum Meister und das tun, für was wir bestimmt sind. Für die Traumjagd.“

Die Gefallene, welche unruhig im Turmzimmer herum gegangen war, war unterdessen eine Ansammlung von Symbolen an der Decke aufgefallen. Sie deutete darauf hin und fragte: „Was haben diese Zeichen zu bedeuten?“ Der Diener kam zu ihr und blickte hinauf. In der Mitte des Balkens, welcher das Dach trug erkannte sie das Symbol, bestehend aus drei in einander laufenden Kreisen, welches sie schon beim Kartographen gesehen hatte. „Das ist eine Zeitkarte.“ Meinte der Diener. Er schaute es sich näher an und sagte: „Dieses Haus scheint nicht nur hier in der Anderswelt, sondern auch im Sichtreich zu existieren. Und zwar zu der Markierten Zeit.“ Dabei zeigte er auf ein Symbol auf einem der drei Kreise und fuhr fort: „In diesem Abschnitt der grossen drei Zeiten der Menschen müssten wir mehr darüber erfahren.“ Als er dies sagte, war die Sternennacht vorbei und es war sofort Abend. Es war kaum Staub auf den Ablagen zu finden, viel weniger Schriften zu sehen und die Kerzen waren noch nicht heruntergebrannt sondern gross. Schlechtgelaunt meinte der Diener: „Hier ist er auch nicht. Lass uns zurück gehen.“ Nun völlig verwirrt sprach die Gefallene: „Ich verstehe nicht, was hier vor sich geht.“ Fassungslos stand sie vor dem langen Tisch und schaute sich die Papiere an. Der Diener setzte sich auf einen Stuhl und sprach: „Nun da Pilgerschrift auch nicht in dieser Zeit an diesem Ort ist, werden wir ihn wohl auch nicht so schnell finden.“ Er linste aus dem Fenster und nörgelte: „Es ist Abend, ich will bei der Jagd sein. Und du solltest das auch. Kannst du dich nicht einfach mit deinem Schicksal abfinden?“ Die Gefallene schrie freudig auf: „Hier, das kann ich lesen.“ „Was du nicht sagst,“ meinte der Diener in ironischem Spott. „Nein du verstehst nicht, „ meinte sie: „Die Zeichen wie sie vorhin waren, konnte ich nicht lesen, diese hier aber schon.“ „Das liegt daran, dass du für ein Phantom ziemlich menschlich bist.“ Knurrte der Diener während er unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschte. „Lass mich das lesen.“ Bat sie ihn. Er aber stand abrupt auf sagte drohend: „Nein, mir reichts. Wir haben genug lang nach Pilgerschrift gesucht, Zeit zurückzukehren und unser Dasein als Diener der Nacht fortzuführen.“ Verzweifelt blickte sie zum Fenster hinaus. Die Stadt war nicht zu sehen, sondern nur Mauern von Ruinen. In ihrer Mitte war eine Karawane von Menschen, welche sich beim Feuer ausruhte. Sofort drehte sie sich zum Diener um und fragte: „Wozu die eile, zurückzukehren? Du könntest du auch hier jagen, während ich hier etwas lesen würde.“ Aufmerksam schaute er sie an. Er ging zum Fenster, um zu sehen, was sie vorher erblickt hatte. Er begann zu lächeln und sagte: „Na gut, wie es aussieht, können wir doch noch eine Weile hier bleiben.“

Das Machtwort lag als fertige Sammlung auf dem Tisch. Darin begann sie zu lesen von der Erschaffung der ersten Götter durch die Menschen. So auch von Gedankenfels, welcher sie bereits im Sklavenzug zu besicht bekommen hatte. Sie las auch von Fürsten und Phantomen, doch bisher entdeckte sie nichts was sie auf den Aufenthaltsort des Pilgerschrifts hätte hinweisen können. Entmutigt legte sie das Buch hin, obwohl sie erst den Anfang gelesen hatte und blickte zum Fenster. Bald würde der Diener zurückkommen und dann wäre ihre letzte Hoffnung dahin. Beim Anblick der Sterne erinnerte sie sich wieder an die Position des Sterns, welcher der ihre sein könnte. Verträumt schaute den Himmel an, seufzte und nahm dann einen anderen Stapel von Texten und las weiter.

Als sie glitschige Finger des Dieners auf ihrem Nacken spürte schrie sie lies die Blätter fallen. Sofort drehte sie sich um und hielt sich am Tisch fest. Es war der Diener, welcher vom Lager der Karawane zurückgekommen war. Seine Augen leuchteten schläfrig. Er versuchte sie zu beruhigen: „Reg dich ab, ich bin es nur.“ Laut schnaufend versuchte sie sich wieder zu entkrampfen. Sie blickte ihn ungläubig an und sprach: „Ich kann es immer noch nicht fassen, was für Gräuel du jede Nacht tust.“ „Gräuel?“ gab der Diener beleidigt von sich. „Du hast keine Ahnung. Es ist nichts als Gerechtigkeit.“ Meinte er mit bestimmtem Ton und erklärte: „Auf dem höchsten Berg der Anderswelt ist eine Quelle, aus welcher pure Lebenskraft quillt. Der Fürst dieses Berges hat viele von uns verbannt und so haben wir keinen Zugang mehr zu dieser Quelle. Nun hat der Fürst aber veranlasst, jede Nacht den Menschen von diesem Wasser zu bringen, welches für uns bestimmt gewesen wäre, und ihnen so Zugang zur Traumwelt zu geben. Wir aber haben es uns nicht gefallen lassen und stehlen den Menschen diese Traumkraft zurück, da sie rechtmässig unsere ist.“ Eingeschüchtert schwieg sie. Er ging zu Fenster und schaute hinunter auf die schlafenden Menschen am Lagerfeuer. Dann sagte er: „Nun ich nehme nicht an, dass du etwas über den Aufenthaltsort des Pilgerschrift herausgefunden hast.“ Vorsichtige sagte sie aber: „Doch, ich habe hier eine unvollständige Fragmentsammlung entdeckt. Pilgerschrift schrieb darin, wie er eine Reise begonnen hatte.“ Misstrauisch drehte sich der Diener um und nahm er den Text aus der Hand, als sie weiter sagte: „Er war mit zwei Menschen unterwegs. Mit Bitterstolz und Rothaar. Wenn wir eine dieser Personen finden, könnten die uns bestimmt sagen, wohin Pilgerschrift gereist war.“ Missbiligend meinte der Diener: „Noch nie von diesen Beiden gehört.“ Beschwörend sagte sie: „Und doch erwähnt er sie mit Namen, also müssten sie bekannt sein, so dass wir sie finden können.“ Der Diener legte das Papier beiseite und sagte: „Nun das würde erklären, wieso es in seinem Haus ein Tor ins Sichtreich des Abends gibt.“ Fordernd schaute er sie an: „Was aber habe ich von dieser Suche? Müssen wir erst die ganze Welt absuchen, bis du einsiehst, dass du nur eine Sklavin bist? Lass uns zurückkehren, bevor der Meister wütend auf uns beide ist.“ Bittend schaute sie ihn an und seufzte: „Ich habe schon mein ganzes Leben dem Meister als Pfand gegeben, was kann ich dir denn anbieten?“ angeekelt blickte er sie an, wie sie verzweifelt von ihm stand. Dann schaute er nachdenklich weg von ihr und murmelte: „Ich bin nur ein Diener. Was soll ich für Verlangen haben? Mich dürstet nach Träumen und Freiheit. Träume nehme ich mir umsonst, Freiheit kannst du mir nicht geben.“ Hilflos bettelte sie: „Bitte, lass uns weiter suchen. Wenn du nur Träume willst, kannst du gerne alle jene aussaugen welche uns auf unserer Reise begegnen werden. Wenn es nur das ist, was du willst.“ Unsicher musterte er sie, wie sie angespannt da stand. In diesem Moment geschah etwas Seltsames mit ihm. In seinem Inneren regte sich etwas. Es schien als wäre ein Teil in ihm, welcher jahrhunderte geschlummert hatte erwacht. Beunruhigt wandte er sich ab von ihr und ging erneut zum Fenster und blickte hinauf zu den Sternen. Nach einigen stillen Augenblicken flüsterte er: „Dort oben ist mein Stern. Einer unter Tausenden. Zu viele, für dass alle einen eigenen Namen haben könnten. Einige sind Meister, andere Diener, wieder andere Boten oder Krieger.“ Wieder schwieg er. Sie trat hinzu und sagte: „Für mich bist du mehr als nur Diener.“ Sofort wandte er sich vom Fenster ab und ging zur Treppe, während er sprach: „Lass uns aufbrechen, wir werden diesen Pilgerschrift noch finden.“ Ungläubig starrte sie ihn an. Was war gerade geschehen?

Schweben durch die Wüste

Der Vollmond erhellte die Wüste. Ein kalter Wind hauchte über die Dünen. Der Diener und die Gefallene schwebten lautlos über den Boden in Richtung Westen. Soweit die Beiden sehen konnten, war nur weisser Sand, welcher sanft umherwirbelte. Die Gefallene musterte den konzentrierten Blick ihres Begleiters und fragte vorsichtig: „Woher der Sinneswandel?“ „Das geht dich nichts an!“ murrte der Diener zurück, „Wichtig ist nur, dass wir Pilgerschrift finden.“ Nachdenklich fragte sie ihn: „Wenn dieser Pilgerschrift so bekannt und einflussreich ist, sollte es doch möglich sein, ganz einfach zu ihm zu gelangen.“ Der Diener lachte nur spöttisch: „Nun, an seinem Ort war er ja nicht.“ Dann fragte sie: „Suchen wir nun nach den Menschen, welche mit ihm unterwegs waren?“ wieder spottete der Diener: „Es gibt nur wenige Menschen, welche helfen können, ein Phantom zu finden, und diese Beiden gehören nicht dazu.“ Sie wollte nachfragen, fühlte aber, dass er bereits gereizt war, so schwieg sie, als sie weiterschwebten. Der Diener schien ein genaues Ziel zu haben, so liess sie sich von ihm führen.

Die Beiden waren einige Stunden unterwegs, als die Gefalle allmählich von einem Stechen in ihrem Kopf geplagt wurde. Anfangs war es nur ein ganz feines brummen, dann aber wurde es immer stärken, bis es sie langsam zur Erde hinunter zog. Der Diener bemerkte dies und forderte sie auf, zu landen: „Du hast wohl keine Energie mehr, du solltest besser gehen.“ Unsaft prallte sie mit den Füssen auf den Boden und blieb im Sand liegen. Der Diener stellte sich neben sie hin und murrte: „Hättest dir auch ein paar Träume nehmen sollen.“ Angewidert blickte sie ihn an: „Ist das der Preis für übermenschliche Kräfte?“ Er half ihr hoch, während er genervt sagte: „Träume, Blut, Fleisch, Hoffnung, Angst, Liebe – Nimm dir was du willst von den Menschen und schon wird es dir besser gehen. Ich meinerseits ernähre mich hautsächlich von Träumen.“ Sie stand nun wieder auf den Beinen. „Hin und wieder töte ich auch einen, wenn es mir erlaubt wird, das gibt zwar auf einmal am meisten Kraft, dafür kannst du ihn später nicht mehr ernten.“, sagte er nebensächlich, als er vorausging und sie mit einer Handbewegung zum folgen aufforderte. Angeekelt ging sie ihm hinterher. Erst nach einigen Minuten sprach sie: „Tut mir leid, müssen wir gehen.“ Missmutig blieb er stehen und wartete auf sie, als er sagte: „Die Sonne wäre ohnehin schon bald aufgegangen.“ Sie war bei ihm angekommen und fragte: „Können wir Phatome denn Tagsüber nicht schweben?“ Sie gingen nun nebeneinander her und er antwortete: „Doch aber es kostet uns mehr Kraft. In der Nacht ist die Anderwelt näher am Sichtreich.“ Interessiert fragte sie weiter: „Wie kommt es, dass ich von einer Sekunde auf die Nächste von meinem Zimmer in der Halle des Kartographen war und zurück?“ „Ich bin nur ein Diener. Währe ich ein Meister, würden wir auch wie ein Meister reisen. Ich aber kann nur Türen benutzen, welche Menschen oder Phantome für mich erschaffen haben.“ Erklärte er geduldig. Dann fragte sie ihn: „Möchtest du mir nicht sagen, wie es kommt, dass du diese Reise nun doch auf dich nimmst?“ Sofort knurrte er sie an: „Du solltest schwiegen, es wird noch ein langer Marsch und du wirst deine Kraft noch gebrauchen.“ So gingen sie schweigend nebeneinander her, als es am Horizont heller wurde.

Die Sonne ging auf, als sie in der Ferne Türme einer Stadt erkennen konnten. Es wurde wärmer und wärmer, als sie an einer Klippe hinaufkletterten. Als sie oben angekommen waren, wischte sie sich erschöpft den Schweiss von der Stirn. Der Diener tratt an die Klippe heran und zeigte ihr die Aussicht. So weit ihr Auge reichte, waren nur Türme, Häuser und Mauern zu sehen. Er sagte: „Willkommen auf dem Abendfels, der Stadt der Götter.“

In der Stadt der Götter

„Der Abendfels, die grösste und auch letzte Stadt der Menschen.“ Erklärte der Diener. Der Anblick war gigantisch. Gebäude ragten hoch hinauf und schienen die Wolken zu durchdringen. Die Gefallene blickte die Klippe hinunter. Vor ihnen lag ein riesiges Gebiet an schmutzigen Häusern und Türmen. Aus den tausenden von Schornsteinen qualmte dunkler Rauch und riesige Maschinen aus Rädern und Röhren bewegten sich langsam. „Lass uns aufbrechen, wir sind noch nicht da.“ Forderte er sie ungeduldig auf. Sprachlos folgte sie ihm, unentwegt hinunter blickend in die Häusermassen. Er verschleierte sein Gesicht und seine Arme und ging voraus. Während sie am Felsen hinuntergingen erkannte sie, dass sogar Sonnenfels verglichen zu dieser Stadt hier klein war.

Unten am Felsen angekommen wurde auch der Lärm der Maschinen ständig lauter. Jetzt da sie in die Stadt hineingingen, schienen die Gebäude noch riesiger zu sein, so dass sich die Gefallene von Minute zu Minute verlorener vorkam. Der Diener lotste sie durch unzählige belebte Gassen, über riesige Plätze voller Leute auf grossen und kleinen Strassen, ohne auch nur eine winzige Sekunde inne zu halten. Die Gefallene konnte nur knapp mit seinen grossen Schritten mithalten. Zunehmends wunderte sie sich über die Zielstrebigkeit und fragte: „Du scheinst wohl oft hier zu sein. Unglaublich, dass du dich hier orientieren kannst.“ Er lachte aber nur spöttisch: „Ich war noch nie hier.“ Verwirrt schüttelte sie ihren Kopf und fragte ungläubig: „Woher weißt du dann wohin wir gehen?“ Er hielt an und murrte: „Was für ein verkrüppeltes Geschöpf bist du eigentlich, dass du deine Kräfte nicht kennst?“ Schockiert schwieg sie. Er schaute sich um. Als er sich vergewissert hatte, dass sie alleine waren, entblösste er sein Arme und legte seine Hand auf ihre Augen und sprach: „Öffne deine Augen!“ Als er seine Hand weggenommen hatte, sah sie an den Wänden glühende Schriftzeichen und Symbole. Ein unangenehmes Rauschen erfüllte ihre Ohren, so dass sie nichts anderes mehr hören konnte. Sie drehte sich und soweit sie sah, waren alle Wände beschriftet. Als sie noch genauer hinschaute, blickte sie durch die Mauern hindurch auf die dahinter liegenden Wände an ihnen die nächsten Zeichen. Und weit in der Ferne sah sie bewegte Lichter in verschiedenen Farben, welche sich bewegten. Je weiter sie blickte umso lauter wurde das Rauschen in ihrem Kopf, so dass es zu schmerzen begann und sie aufschrie. Sofort war alles weg und sie fand sich in der Gasse neben dem Diener. Spöttisch murmelte er: „Unfassbar, wie unfähig du bist. Ist wohl besser für dich, wenn du dich auf die Art des Sehens beschränkst, wie es die Menschen tun. Das ist weniger anstrengend.“ Er verhüllte sich wieder vollständig und ging weiter. „Überlass das Wegfinden mir.“ Murrte er und schritt erneut mit hohem Tempo davon. Die Gefallene hatte kaum Zeit sich von ihrem Schock zu erholen und keuchte ihm hinterher.

Je weiter sie in die Stadt hineingelangten, desto schöner wurden die Häuser. Schäbige Hütten Fabriken und Lagerhallen wurden von eleganten Türmen und grossen Häuserblocks ersetzt. So wie der Lärm der Maschinen schwand, umso lauter wurden die Menschenmassen, welche noch mehr zu zunehmen schienen. Auf einem der Plätze kamen sämtliche Bewegungen sogar zum stillstand. Am Ende des Platzes stand ein riesiges Tor, an welchem sich die Massen stauten. Eine riesige Mauer trennte hier zwei Gebiete von einander ab und das Tor schien der einzige Übergang zu sein. Der Diener lachte: „Menschen waren schon immer Meister darin, sich gegenseitig einzusperren.“ Das Tor war verschlossen. Die Volksmenge schien zu warten, also taten die beiden Phantome es ihnen gleich.

Es dauerte noch fast eine Stunde, bis sich das riesige Tor öffnete. Das Sonnenlicht, welches sich an den hellen Gebäude des inneren Stadtteils reflektierte, glitt über die sich öffnende Tür und erfüllte den gesamten Platz mit wärme. Die Volksmenge wurde zurückgedrängt. Jene, die sich zum warten hingesetzt haben, standen nun auf und alle redeten durcheinander. Ungeduldig blickte die Gefallene nun zum Tor. Dort stand hinter dem sich öffnenden Tor eine riesige Steinstatue. Sie war geschätzt zehn Stockwerke hoch und aus grauem, leblosen Fels gehauen. In einer Hand hielt die Figur eine lange Peitsche aus Metallketten und in der Anderen einen Speer. Die Volksmasse bewegte sich mühsam auf das Tor zu. Während die Beiden im Strom der Menschen mitgingen sagte die Gefallene fasziniert: „Ich habe bereits einmal eine solches Ding gesehen. Es wurde von Menschen als Gott verehrt.“ Der Diener murmelte: „Das sind von Menschen erschaffen Götter. In dieser Stadt wimmelt es nur so von diesen, deswegen ‚Stadt der Götter’.Die Menschen halten sich mit ihren Göttern gegenseitig unter Kontrolle.“ Einige Minuten später standen sie nun am Fusse der Statue. Dort drängten sich die Menschen in Schlangen, welche an unzähligen Soldaten vorbei ins Innere der Stadt führten. Als die Gefallene nur noch einige Meter entfernt von der Statue stand, da schien diese langsam ihren Kopf in ihre Richtung zu drehen. Das Ding blickte sie unentwegt an und flüsterte ihr ohne die Lippen zu bewegen zu: „Was bist du?“ Es wurde still um sie herum und die Gefallene erkannte, dass nur sie die Stimme hören konnte. Die Zeit verlangsamte sich und wurde so langsam, dass nur sie und die Wächterstatue sich noch zu bewegen schienen. Selbst der Diener war wie eingefroren. Der vorhin so leblose Wächter aus Stein schien sich jetzt absolut Menschlich zu bewegen. Sein Körper bewegte sich atmend. Jetzt schrie er: „Was bist du?“ verunsichert schaute sie zum erstarrten Diener. Dann blickte sie zum Steinwächter zurück und sagte ängstlich: „Ich bin ein Phantom.“ Er schaute sie an und sprach gebietend: „Und doch bist du anders. Ich bin seit hunderten von Jahren, seit ich als Sohn von Sturweg erschaffen wurde, hier an diesem jenem Tore. Und wenn ich auch tausende Phantome hinein und hinaus geleitet habe, so bist du doch etwas anderes. Also sprich, was bist du.“ Verunsichert blickte sie ihn an und sagte: „Ich weiss es nicht. Kannst du es mir sagen?“ Sofort bellte er sie an: „Wie kommt es, dass du nicht weißt was du bist? Wie aber soll ich es dir sagen? Ich bin nur ein einige hundert Jahre alter Gott, du aber bist älter.“ Verzweifelt flehte sie ihn an: „Ich habe aber keinerlei Erinnerung. Der Grund weshalb ich hier in der Stadt bin, ist dass ich herausfinden will, wer ich bin.“ Nachdenklich blickte er sie an und sagte: „Nun gut, geh hinein. Aber sei gewarnt. Ich kenne nun dein Gesicht. Ein Fehler und jeder meiner Brüder ist dir auf den Fersen.“ Und sogleich war der Wächter wieder zu leblosem Stein geworden und die Menschenmasse bewegte sich ins innere der Stadt.

Wie ein Phantom unter den Menschen

Einige weitere Stunden gingen sie durch die Stadt, die nun in die Höhe und Tiefe zu wachsen schien. Treppen führten auf höher gelegene Plattformen, von welchen Brücken auf die Dächer gebaut wurden. Die Türme wuchsen zunehmend. Überall waren Gerüste befestigt und Kräne aus Holz und Seilen zogen ganze Ebenen nach oben und unten. Auf den obersten Dächern landeten die Zeppeline und liessen Menschen ein und aussteigen. Zu tausenden strömten sie über Plätze und durch die Gassen, hinunter in die Tunnel und hinauf zu den Zinnen der Türme. Auf ihrem Weg kamen sie an manchem Tor vorbei, an dem eine weitere Steinstatue stand. Einige kleiner, einige grösser. Doch die Grösste von allen thronte in der Ferne auf den höchsten Dächern. Die Figur glänzte golden in der Sonne. Sie hatte vier Arme und an jeder Hand hing etwas, so dass es aussah wie eine Waage mit vier Waagschalen. Die Gefallene staunte bei dem Anblick, doch der Diener forderte sie auf weiter zu gehen. Weiter hinunter in die Tiefen der Stadt.

Als sie sich wegen Hunger und Durst beklagte murrte der Diener: „Du bist zu lange unter Menschen gewesen, dass du deine Energie auf diese Weise aufladen willst.“ Dan schaute konzentriert um sich und meinte dann: „Wir sind bald da, dort bekommst du etwas zu essen, was einem Phantom würdig ist.“ „Wie kommt es eigentlich, dass uns niemand bemerkt?“ fragte die Gefallene neugierig. Der Diener lachte nur: „Siehst du die Menschen der Stadt? Sie sind zu beschäftigt. Sie erkennen nicht einmal die Menschen um sich herum, wie sollten sie sich noch um die Nichtmenschen kümmern?“ Er zeigte hinauf zu einem der Dächer und sagte: „Siehst du, ein Beobachter. Dieses Phantom steht Tag und Nacht an dieser Stelle, um einem Meister Augen zu sein. Für die Menschen sind sie unsichtbar, weil sie sich wochenlang ohne geringste Bewegung sein können und so werden sie für die Menschen mit ihrer Hektik unsichtbar.“ Die Gefallene erinnerte sich an die Beobachter in ihrem Zimmer beim Meister. Es schauderte sie bei der Vorstellung, dass jene Wesen sie zu jeder Zeit beobachteten.

Je Tiefer sie kamen, umso seltener wurden die Stellen, an die das Tageslicht gelangen konnte. Die Gassen wurden Enger und nur noch wenige Menschen waren zu sehen. Während sie an der Oberfläche kaum Notiz voneinander nahmen, schien hier jeder jeden genauestens zu beobachten. Röhren mit riesigem Ausmass, welche die Stadt oberhalb mit Wasser versorgten bohrten ihre Wege durch Häuser und Mauern. Ein Dunst hing in der Luft und Moos und Rost überzogen Boden und den Wänden. Hin und wieder hingen grosse Öllampen von den Decken und spendeten spärlich Licht. Es wurde stiller und stiller.

Die Katakomben und Kanäle verbanden sich zu einem unüberschaubaren Labyrinth. Nur das leise Plätschern von Wasser aus undichten Röhren brach die absolute Stille. Über verwitterte Brücken und Treppen gelangten die Beiden in einen grossen Raum, der mit Laternen beleuchtet war. In der Mitte war auf dem Boden eine riesige Zeichnung mit Farbe auf den Boden gemalt. Auf den Formen standen in helle Umhänge gehüllte Menschen, welche in Meditation vertieft ein Ritual durchzuführen schienen. Unbehaglich fragte die Gefallene flüsternd den Diener: „Was sind das für Leute?“ Der Diener grinste und flüsterte zurück: „Geisterjäger!“

Der Diener schritt unbeirrt in die Mitte und packte einen der Menschen und hielt ihn mit einer Hand hoch. Die Geisterjäger schrien auf und begannen wild umher fuchtelnd beschützende Formeln auf zu sagen. Der Diener lachte nur und meinte: „Noch immer wisst ihr Menschen nicht, dass es einfacher ist eine Phantom anzulocken, als es fern zu halten.“ Der in die Höhe gehobene Geisterjäger krächzte: „Sei gebunden, in der Macht des Lichts.“ Der Diener liess ihn auf den Boden fallen und stand mit einem Fuss auf ihn. Gelangweilt sagte er: „Anfänger!“ Er schrie die anderen Geisterjäger an: „Wer von euch verstandesverkrüppelten Menschen hat tatsächlich eine Ahnung von der Geisterjagd? Ich sehe ein Kreis aus Machterzstaub, mit einer schriftlichen Einladung, dass alle Phantome im Umkreis von zwei Tagesmärschen, es lesen können. Und doch sehe ich keine Falle.“ Er gab dem Geisterjäger auf dem Boden einen Tritt und schritt auf den Rand der Formen zu, während er verachtend sagte: „Nun gut, ich bin nicht gekommen, euch zu belehren, wie ihr Phantome wirklich fangen könnt. Sondern ich brauche eure Fähigkeit, ein ganz bestimmtes Phantom anzulocken.“

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